|
|
|
Geschichte und Entwicklung
Aus dem Schwarzwald haben münstersche Schwimmer das Speckbrett mitgebracht. Das Souvenir eines
Trainingslagers mauserte sich alsbald vom Tennis-Ersatz zur eigenständigen Sportart. Die Disziplin
erlebte nur in Münster eine Blüte. Die kuriose Geschichte des Sports mit einem Küchenutensil
skizziert Bernhard Goblirsch (1997)
Sport mit delikater Tradition
Was ein Brett ist, weiß jeder. Was ein Speckbrett ist, nämlich eine Holzunterlage, auf der die
Hausfrau Speck und andere kulinarische Köstlichkeiten zuschneidet, wissen schon weniger. Dass es
eine Sportart gibt, die den Namen eben dieses Küchengerätes trägt, wissen nur Münsteraner.
Nur Münsteraner? Nicht ganz. Eine kleine Kolonie in Berlin, beheimatet im dortigen Verein
für Körperkultur (VfK), befleißigt sich ebenfalls dieses Rückschlagspiels, das in der Spielweise
sehr dem Tennis ähnelt, sich in der Zählweise aber am Tischtennissport orientiert (21 Punkte = Satzgewinn).
Wie ist es dem Speckbrett gelungen zum Sportgerät aufzusteigen oder - je nach Sicht der Dinge - als
solches mißbraucht zu werden? Die Ursprünge liegen über 60 Jahre zurück.
Tennis-Variante
Im Sommer 1929 fuhren 15 Jugendliche der "Schwimmvereinigung Münster von 1891", heute besser
bekannt als SV 91 Münster, zum Titisee. Dort hatten
|

Speckbrettspiel in Sudmühle Anfang der 30er Jahre
|
befreundete Schwimmeraus Freiburg ihr Clubhaus,
in dem eine Tischtennisplatte stand. Tischtennis erfreute sich damals unter den Freiburger Schwimmern
großer Beliebtheit. Wenn es jedoch bei sommerlicher Hitze im Gebäude zu stickig wurde, spielten sie
im Freien eine Art Minitennis. Dazu spannten sie ein altes Tennisnetz, das einen dürftig planierten
Sandplatz halbierte. Über das Netz wurde ein abgewetzter Tennisball hin- und herbefördert. Als Rackets
dienten - der Leser wird sich's bereits denken - tatsächlich Küchenbretter, auf denen Mütter noch kurz
zuvor Speck geschnitten hatten. Tennisschläger waren damals, wie der "weiße Sport" an sich, für
viele zu teuer.
Die Freiburger nahmen die selbst entwickelte Tennisvariante nicht sonderlich ernst. Die münsterschen
Gäste dagegen waren begeistert von der Idee und "importierten" sie in die Westfalenmetropole. In den
Osterferien 1930 entstanden schließlich auf der Anlage des SV 91 in Sudmühle die ersten beiden Speckbrettplätze
Münsters. Nicht nur in Sudmühle, sondern im gesamten Stadtgebiet gewann das Spiel in den folgenden Jahren Freunde.
Bald standen auch erste Meisterschaften an, doch Namen und Ergebnisse gingen verloren. Von den Kriegswirren
erholte sich die Sportart nur allmählich.
Den neben der Gründungsphase zweiten Schub erhielt das Speckbrettspiel Mitte der sechziger Jahre, als
die als Rollschuh- und Eislaufbahn geplante Anlage des Sportparks Sentruper Höhe zu Speckbrettplätzen
umfunktioniert wurde. 1969 richtete der TuS Hiltrup eine Sparte Speckbrett ein. Drei Jahre später entstand
der Speckbrett-Sportclub Münster (SSCM), der 1977 komplett in der SV91 aufging. 1981 wurde schließlich der
Speckbrettverein Sentruper Höhe (SVSH) gegründet. SVSH sowie die Speckbrettabteilungen des TuS und der
SV 91 schlossen sich zu einer Speckbrett-Sport-Aktionsgemeinschaft, kurz SPAG, zusammen, die sich insbesondere
um die Ausrichtung der alljährlichen Stadtmeisterschaften kümmert
Immer Weltmeister
Derzeit beträgt die Zahl der in den drei Vereinen organisierten Spieler rund 500. Hinzu kommen 40 Mannschaften
aus dem Betriebssportbereich. Die größte Gruppe stellt jedoch das Heer der sogenannten "wilden" Spieler.
In der Beliebtheitsskala nimmt Speckbrett bei den Münsteranern gemäß einer Studie gemeinsam mit
Tennis Rang vier ein.
Mittlerweile gibt es in Münster rund 40 Plätze. Der bevorzugte, weil gelenkschonendste Untergrund ist wie beim
Tennis Asche, doch vielfach wird auch auf Beton gespielt. Die Felder sind mit 20 Metern Länge und 8 Metern
(im Doppel neun Metern) Breite etwas kleiner als beim Tennis, denn aufgrund des Holzschlägers werden geringere
Geschwindigkeiten und dadurch auch geringere Flugweiten mit dem Ball erzielt. Der Aufschlag erfolgt diagonal,
allerdings mit der Eigenart, daß immer derjenige serviert, der den vorausgegangenen Punkt verloren hat.
Die Zeiten, in denen Mütter um ihr Küchenutensil fürchten mußten, sind lange vorbei.
Bereits in den Anfangsjahren gab
|

Speckbrett in Sudmühle damals
|
es Bemühungen, das vor allem für Kinder zu schwere Massivholzbrett zu modifizieren. Der Durchbruch gelang
allerdings erst 1970. Die Zauberformel hieß "durchlöcherte Schlagfläche", womit sich das Gewicht und der
Luftwiderstand beim Schlagen entscheidend verringerte. Auf die Idee kamen der Ingenieur Lothar Reimann,
langjähriger Vorsitzender der Speckbrettabteilung der SV 91, und Rudi Selhorst, technischer Zeichner und
Tennislehrer (UFO-Schläger)
Damals wie heute bietet Speckbrett gegenüber dem Tennis zwei Vorteile: - Einerseits stellt sich beim Anfänger
aufgrund der geringeren Geschwindigkeit und der geringeren Schlagfläche schneller ein Erfolgserlebnis ein.
Wenn man mit dem Tennisschläger den Ball am Rande trifft, fliegt er überall hin, nur nicht dahin, wo er hin soll.
Beim Speckbrettschläger ist die Toleranz größer. - Andererseits ist der Sport preisgünstiger, nicht zuletzt
wie das Racker nur etwa 80,- DM kostet und nicht ständig neu besaitet werden muß. Die Bezeichnung "Tennis
für Arme", die nach dem Kriege aus den Mündern reicher Tennis-Snobs zu vernehmen war, wenn Kinder auf den
Straßen Speckbrett spielten, hören die Speckbrett-Enthusiasten auch heute nicht gern. Zudem greift der Spott
nicht, da sich damals wie heute Speckbrettspieler aus allen sozialen Schichten rekrutieren und viele Anhänger
des "weißen Sports" auch zum Holzschläger greifen.
Höhepunkt der Speckbrettsaison sind die "Offenen Stadtmeisterschaften", die in diesem Jahr zum XLII. Mal über
die Bühne gehen und immer nach den Sommerferien stattfinden. Beteiligen können sich sowohl Vereinsspieler als
auch Unorganisierte deshalb das Attribut "offen". Gespielt wird in über Klassen, gegliedert nach Spielstärke, Alter
und Geschlecht (Einzel, Doppel; Mixed). Im vergangenen Jahr näherte sich die Teilnehmerzahl der 300er-Marke.
Seit Anfang der 70er Jahre entsendet anläßlich dieses Wettbewerbes auch die kleine Kolonie des VfK Berlin
sporadisch ihre Topspieler. Und da nur dort und in der Westfalenmetropole dem Speckbrett gefrönt wird, darf sich der
münstersche Stadtmeister, wenn auch mit einem Augenzwinkern, Weltmeister nennen.
|
|